( aus "Lehrerin Natur " Unintentional Music und Musikpädagogik ( Manuskript von Magdalena Schatzmann )

1.2 Grundsätzliches zu Unintentional Music

Unintentional Music basiert auf der Prozessarbeit oder der prozessorientierten Psychologie, wie sie von Arnold Mindell, einem jungschen Lehranalytiker und Physiker, begründet wurde. Seine Arbeitsmethode orientiert sich an der Psychologie C. G. Jungs. Darüber hinaus gelingt es Arnold Mindell, sowohl Erkenntnisse der Physik als auch alte Paradigmen wie Taoismus, Alchemie, Schamanismus, das Wissen der Aborigines u. a. m. in seine Arbeitsweise einzubeziehen und ihre Querverbindungen aufzuzeigen. Daraus entstand ein ausserordentlich offener Ansatz, der zu tiefsten Bereichen des Menschseins führt.

In den folgenden Kapiteln möchte ich einige Aspekte von Unintentional Music vorstellen, die mir für das Musizieren sehr wichtig erscheinen. Ich werde dabei die philosophischen Hintergründe dieser Arbeitsweise streifen, jedoch ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Es handelt sich vielmehr um persönliche Einsichten, die durch die praktische Arbeit und kreative Prozesse ausgelöst wurden.


1.3            Grundzüge der Prozessarbeit

Die Grundlagen von Unintentional Music basieren auf der Prozessarbeit, wie sie von Arnold Mindell begründet und zusammen mit seiner Frau Amy sowie Kolleginnen und Kollegen bis heute weiterentwickelt wird.

Arnold Mindell entdeckte, dass Körpersymptome wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Verspannungen usw., aber auch lebensbedrohende Krankheiten mit den Träumen der Nacht verbunden sind. Durch die gründliche Erforschung dieses Phänomens gelangte er zu einem erweiterten Begreifen des Träumens. Er entwickelte daraus eine neue Arbeitsweise, die er „Traumkörperarbeit“1 nannte. Ursprünglich war die Prozessarbeit eine Psychotherapiemethode. In ständiger Forschungsarbeit erfuhr diese Arbeitsweise bis heute vielfältige Anwendungen ausserhalb des Therapiebereichs. So etwa in Kunst, Musik, Sozialarbeit, Beziehungen, Konfliktarbeit, Medizin, um nur einige der Gebiete zu nennen.

Dieses Kapitel befasst sich mit der Natur der Prozessarbeit.

Ich werde erste theoretische Schritte aufzeigen, welche später vertieft werden, und eine von vielen Möglichkeiten, Prozessarbeit zu erfahren, darstellen. Ausserdem möchte ich mit diesem persönlichen Beispiel auf die Alltäglichkeit der Prozessarbeit hinweisen.

Prozesse ereignen sich den ganzen Tag, wir befinden uns zu jeder Zeit mittendrin in Prozessen. So gesehen, praktizieren wir jeden Tag Prozessarbeit, vielleicht ohne es zu wissen, denn Prozess ist das, was sowieso passiert. Der Unterschied zwischen den Prozessen, die sowieso passieren, und bewusster Prozessarbeit liegt darin, dass wir im zweiten Fall die Prozesse mit gerichteter Aufmerksamkeit wahrnehmen, um sodann nach bestimmten Kriterien der einen oder andern Wahrnehmung bewusst zu folgen. Auf diese Weise entdecken wir ungeahnte Facetten in uns selber und gewinnen die Möglichkeit zu wachsen. Wir wachsen alle an unseren Lebensprozessen, wir entwickeln Bewusstsein oft anhand von Erlebnissen, die sich ausserhalb des Bereichs, den wir gewöhnlich mit unserer Identität wahrnehmen, abspielen. Dieser Umstand ist für die Prozessarbeit sehr entscheidend, denn er führt in Bereiche, die jenseits unserer Absicht und unserer Identität liegen. Dort entsteht Neues, dort liegt oft die Quelle neuen Wachstums und neuer Kreativität. Arnold Mindell bezeichnet Prozesse, die unseren Absichten und unserer Identität entsprechen, als Primärprozesse, und solche, die jenseits unserer Identität stattfinden oder unabsichtlich passieren, als Sekundärprozesse. Dies erfordert eine Arbeitsweise die, einfach ausgedrückt, neutral beschreibt, was passiert, um vorurteilslos dem folgen zu können, was passieren möchte. Auf diesem Weg begegnen wir verschiedensten Qualitäten2 oder Eigenschaften, die uns bisher vielleicht verborgen waren oder die wir ablehnten. Diese verborgenen oder bisher abgelehnten Qualitäten gehören laut Mindell zu den sekundären Prozessen und wollen in unseren Alltag integriert werden.

Diese Arbeitsweise erinnert an den Taoismus. Die TaoistInnen empfanden eine grosse Ehrfurcht vor der Natur und ihren Prozessen. Indem sie die Natur genau beobachteten, fanden sie Urbilder für ihr eigenes Verhalten. Im Buch „Tao Te King“ beschreibt Laotse diesen taoistischen Weg, der noch heute aktuell ist.

Und das „I Ging“3, das Buch der Wandlungen, begreift das Leben als einen Prozess der Veränderung, es werden Wandlungsprozesse in der Natur beschrieben. Vereinfacht ausgedrückt, wird gezeigt, dass die Natur sich immer wandelt und uns nicht fragt, ob wir das passend finden oder nicht. Die Wandlungskräfte werden darin so exakt beschrieben, dass wir ihre Prinzipien in unserem Leben anwenden können, um so vermehrt mit dem Lebensprozess zusammenzuarbeiten. Arnold Mindell befasste sich intensiv mit dem Taoismus und entwickelte aufgrund dieses uralten Paradigmas seine Prozesstheorie.

Protokoll eines Prozessverlaufs

Es existieren sehr viele Beschreibungen der Prozessarbeit. Jetzt, da auch ich etwas darüber schreiben soll, spüre ich eine gewisse Scheu, das Thema anzugehen. Ich stöbere in Büchern von Mindell und andern AutorInnen nach Beschreibungen der Prozessarbeit. Eben habe ich einige Seiten in „Der Lauf des Flusses“4 gelesen.“ In diesem Buch steht alles geschrieben – geschrieben vom Begründer der Prozessarbeit. Da bleibt mir doch nichts als Wiederkäuen! Was soll ich denn noch darüber schreiben? Das Einfachste wäre, einige Buchtitel anzugeben, und fertig wäre das Kapitel! Ist da vielleicht ein Prozess aufgetaucht? Die Scheu, den so beeindruckenden Beiträgen meine Stimme hinzuzufügen. Das Signal5 des Blätterns in verschiedenen Büchern hat mich auf dieses Gefühl aufmerksam gemacht.

Ich möchte dieses Kapitel schreiben. Dies ist meine Absicht. Unerwarteterweise werde ich dabei zum ersten Mal scheu. Ich habe bereits etwa sechs Kapitel geschrieben, und zwar mit draufgängerischer Energie. Nie tauchte auch nur der Hauch von Hemmung auf. Diese plötzliche Scheu blockiert mich, meine Gedanken bleiben stehen und rühren sich nicht mehr.

Es bieten sich nun zwei Möglichkeiten, damit umzugehen.

Ich könnte versuchen, die Scheu zu ignorieren, und mich irgendwie durchkämpfen. In diesem Fall würde ich statisch handeln. Ich würde weitere Bücher durchstöbern und versuchen, nach all dem Gelesenen zu einer eigenen Formulierung zu kommen. Ich hätte dann vielleicht einen Text, jedoch wenig aus meiner eigenen Erfahrung heraus geschrieben, und es könnte sein, dass dieser Text bei anderen nichts auslöst, weil er nicht aus meiner innersten Einsicht heraus geschaffen wurde, sondern aus etablierten, vorgezeichneten Gedankenstrukturen, hinter denen ich mich zu verstecken versuche. Wo wäre das Gefühl der Scheu geblieben? Es lauerte hinter jedem Wort und würde Lesende möglicherweise verwirren.

Die zweite Variante besteht im prozessorientierten Vorgehen. In diesem Fall handle ich nicht statisch, sondern prozesshaft. Das heisst, ich folge dem, was passiert.

Prüfen wir nun diese Variante ganz praktisch mit der Frage: Was ist bis jetzt passiert, neutral ausgedrückt ?

Ein Signal ist aufgetaucht, ein winziger Hinweis auf einen Prozess, nämlich das Blättern in den Büchern. Ich wollte ja schreiben, etwas in mir liest jedoch. Sagen wir, das Schreiben liegt in meiner Absicht, das Blättern passiert unabsichtlich. Warum blättert es? Etwas interessiert sich für verschiedene Beschreibungen der Prozessarbeit. Aber ich wollte schreiben und nicht lesen. Indem ich meine Wahrnehmung jetzt ganz auf diese Erfahrung richte, merke ich, dass ich scheu bin und etwas Angst habe, dieses theoretische Kapitel zu schreiben. Meine Scheu, meine Angst kann als Primärprozess verstanden werden. Ich identifiziere mich momentan mit der Angst. Aber wovor genau habe ich Angst? Ich habe jahrelang die faszinierenden Bücher von Arnold Mindell und andern ProzessarbeiterInnen gelesen. Es sind alles sehr erfahrene Menschen, die mit dem Thema vertraut sind: Supercracks, die weltweit Seminarien leiten und fähig sind, den Tanz der Prozessarbeit, eines so komplexen, weil dynamischen und lebendigen Vorgangs, zu tanzen. Ich spüre einen tiefen Respekt vor ihnen. Ich weiss, dass es sehr viel braucht, um im Wald der tausend Signale dem Weg folgen zu können.

Die Vorstellung, neben diesen fundierten Texten eine eigene Darstellung zu veröffentlichen, löst in mir einen Schauer aus.

Nun weiss ich schon mehr über den Prozess:

In einem Primär-Sekundär-Schema kann ich einen Teil der Prozessstruktur bereits darstellen, den Primärprozess werde ich mit 1 kennzeichnen, den Sekundärprozess mit  2:

1                                                                                                                                                                  2

Schreiben über Prozessarbeit

Angst

Respekt

Blättern in Büchern, fremde Versionen lesen

davor, der Welt meine Version über Prozessarbeit zu zeigen

vor den erfahrenen ProzessarbeiterInnen,

sie schreiben fundiert, sie sind mutig, denn sie erzählen der Öffentlichkeit Neues, Ungewohntes, Transformatives!

Ich merke, dass das Ungewohnte meine Aufmerksamkeit packt. Ja, ich glaube, hier könnte der Weg weitergehen.

In der Prozessarbeit gibt es immer wieder „heisse“ Momente. In solchen Momenten erhöht sich die Energie schlagartig. Dies passiert jetzt gerade. Ich spüre, dass mich das Ungewohnte, das Transformative anzieht.

Plötzlich beginnt es in mir zu sprudeln: Ich bin seit jeher begeistert vom Mysterium des Prozesses, vom Geist, der in dieser Arbeit wirkt. Prozessarbeit praktizierend, werde ich zur Taoistin, zur Schamanin, zur Alchemistin. Dieser Ansatz berührt mich stark. Ich merke, dass ich die Taoistin in mir auf der Alp ungehindert unterstützen kann. Hier ist es für mich sehr leicht, schamanisch zu sein. Hier spreche ich mit Pflanzen und Bächen und verwandle mich in Bäume, Steine, sprudelndes Quellwasser und lasse meine Lebensfragen kochen. Dies alles der Welt zu zeigen in einem Buch, dies alles sogar als Grundlage meiner musikpädagogischen Arbeit darzustellen, erfordert den Sprung über eine kulturelle Grenze.

Ich befinde mich also in folgender Situation:

Im sekundären Bereich sind diese ProzessarbeiterInnen, die der Welt den Geist der Prozessarbeit vermitteln. Sie vermitteln eine vielleicht ungewohnte, transformative Sicht der Lebensprozesse. In diesem Moment erkenne ich meinen eigenen Zugang zur Prozessarbeit, einen Zugang, der von der Natur geprägt ist und mit ihr zusammenarbeitet. Allerdings ist es noch etwas schwierig, dies zu zeigen. Eine Grenze6 ist aufgetaucht: Zwischen dem primären und dem sekundären Prozess besteht eine Grenze. Sie verhindert das Eintauchen in die Welt des Sekundärprozesses. Etwas in mir ist noch nicht ganz bereit dazu.

Wie soll ich nun daran arbeiten?

Um hier weiterzukommen, brauche ich die Kanäle:

Die Kanäle sind quasi die Transporteure der kleinen Signale, die dann zusammen den Prozess zeigen. Durch die Kanäle können sich verborgene Qualitäten zeigen. Die nächste Aufgabe besteht darin, den Kanal zu finden, in welchem sich der sekundäre Prozess zeigt, damit die Entfaltung des Sekundärprozesses starten kann. Auf die Analysearbeit folgt die Erfahrungsarbeit.

Folgende Kanäle sind für die Prozessarbeit zentral:

Worte, bestimmte Satzstrukturen (verbaler Kanal)

Bilder (visueller Kanal)

Töne, Stimmen Geräusche (auditiver Kanal)

Gefühle, Stimmungen, Körperwahrnehmungen (propriozeptiver Kanal)

Bewegungen (Bewegungskanal)

Weltangelegenheiten (Weltkanal)

Beziehungen (Beziehungskanal).

Den richtigen Kanal zu finden, ist für die Arbeit am Prozess sehr entscheidend. Die Aufgabe besteht darin, die Art und Weise, wie wir etwas erfahren, genau zu kennen. Wenn jemand Kopfschmerzen hat, kann ich nicht wissen, wie er oder sie diesen Schmerz erfährt. Das kann ein Stechen, ein Klopfen, ein Druck sein, oder jemand erfährt den Schmerz in Wellen. Nehmen mir an, dass du Kopfschmerzen hast und diese als Hämmern wahrnimmst. Hämmern hat mit Bewegung zu tun, deshalb arbeitest du am besten an dieser Bewegung und fragst dich zunächst, wie es in deinem Kopf hämmert, denn die Eigenschaft dieses spezifischen Hämmerns ist für den Prozessverlauf wichtig. Sodann beginnst du, selber in dieser Qualität zu hämmern, damit dir dein Sekundärprozess (Hämmern) sinnlich zugänglich wird. Die Entfaltung des Hämmerns im Bewegungskanal bringt die verborgene Eigenschaft, die sich hinter dem Symptom versteckt, zum Vorschein. Du siehst, in dieser Arbeit ist die sinnliche Erfahrung sehr wichtig, und dafür benötigen wir die Information, wie jemand etwas erfährt. Fragen wir genau nach zum, Beispiel mit der Frage „Wie merkst du, dass du Kopfschmerzen hast?“, bekommen wir Antworten, die uns den Kanal zeigen, in welchem der Prozess erscheint. Im zweiten Teil wirst du erfahren, wie wichtig gerade diese genauen Informationen für die Arbeit mit den SchülerInnen ist.

In meinem Beispiel sind Personen wichtig, die etwas in mir auslösen. Ist es deshalb der Beziehungskanal, der den Prozess zeigt?  Fragen wir genauer nach:

Spezifisch an meinem Beispiel sind nicht die Personen an sich, denn diese kenne ich nicht persönlich. Es sind ihre Handlungen, die mich berühren, es ist die Art und Weise, wie sie ihre Botschaften in der Welt vermitteln. Deshalb gehe ich davon aus, dass es der Weltkanal ist, welcher wohl den geeigneten Weg darstellt, um den Prozess zu entfalten. Den Sekundärprozess zu entfalten heisst, ihn mit den Sinnen zu erfahren. Es gibt viele Wege, ihn zu entfalten. In diesem Kapitel will ich noch nicht auf die verschiedenen Wege eingehen. Dies wird im zweiten Teil des Buches Thema sein. Hier bediene ich mich spontan des schamanischen Ansatzes, nämlich einer Art der „Visionssuche“.

Da mein Sekundärprozess offenbar den Weltkanal betrifft, ist es sicher gut, aus dem Haus in die Welt hinauszugehen, damit die Welt zu mir sprechen kann.

Ich bin auf der Alp. Es herrscht schönstes Spätsommerwetter. Es zieht mich zum Bergbach. Ich folge diesem Ziehen und lasse dieses Ziehen einen geeigneten Ort auswählen. Es ist ein Platz am Bergbach, den ich noch nicht gut kenne. Das Wasser sprudelt über die Steine. Ich höre den Bach, ich höre die verschiedenen Wege des Wassers, die über die Steine führen. Hören ist offenbar wichtig. Obwohl ich den Bergbach täglich höre, zieht mich sein Klang heute in einen besonderen Bann. Ich höre einfach zu, ohne Absicht. Immer tiefer höre ich in diesen Gesamtklang hinein und beginne bald diverse, einander überlagernde Rhythmen aus diesem Gesamtklang herauszuhören. Diese verschiedenen Rhythmen höre ich auch in verschiedenen Klangfarben. Je mehr ich diesem Hörprozess folge, desto differenzierter nehme ich die unterschiedlichen Stimmen wahr. Sie sind sehr verschieden, und doch passen sie zusammen und ergeben zusammen einen Gesamtklang. Ich höre die Polyphonie des Bergbachs! Diese Polyphonie packt mich. Ich erfahre die verschiedenen Stimmen, die zwar ihren eigenen Gesetzen folgen, jedoch miteinander in einem lebendigen Zusammenhang stehen. Als Musikerin kenne ich die Polyphonie gut, hat sie doch eine beträchtliche Bedeutung in der abendländischen klassischen Musik, man denke nur an Bach, den Meister des polyphonen Komponierens, aber auch an spätere und zeitgenössische KomponistInnen, welche die Kunst, in verschiedenen, eigenständigen Stimmen zu komponieren, verstanden und verstehen. Ich denke auch an John Cage, dessen “ Harmony“7 die Gesamtheit der Klänge der Welt bedeutet. Mehr und mehr vertiefe ich mich in das Prinzip der Polyphonie und erfahre einen mächtigen Archetypus. Mehr und mehr werde ich selber zur Polyphonie. Die Welt-Polyphonie spricht jetzt aus mir heraus und sagt: „Die ganze Welt, das ganze Universum ist Polyphonie. Jede Stimme trägt zum Universum bei. Du bist mit deiner Stimme Teil dieses Ganzen. Ohne dich fehlt etwas im Gesamtklang. Damit dieser Gesamtklang jedoch erklingen kann, ist es wichtig, deine Stimme zu hören. Deine Worte über Prozessarbeit sind Teil der Polyphonie der Prozessarbeit. Jedes Gebiet ist polyphon und braucht verschiedene Stimmen. Du bist selber polyphon. Alle Stimmen in dir sollen sprechen.“

Langsam komme ich zurück, schaue mich um und bin einfach erstaunt, in welcher Weise ich die Polyphonie eben erlebt habe. Ich spüre nun das Vertrauen, meinen Weg im Buch fortzusetzen. Ich singe für all die Kräfte, die mich in meinem Prozess unterstützten, und gehe zurück, um das Erfahrene niederzuschreiben.

Schauen wir noch einmal zurück, um uns die einzelnen Schritte des Prozesses zu vergegenwärtigen:

Prozessverlauf

                                                                      

Das bessere Begreifen der Polyphonie bringt mir die Lösung, um Vertrauen in meine Stimme zu finden, meine Identität zu erweitern und mit ihr in die Welt hinauszugehen.

Ich kann also sagen, dass in der Störung die Lösung lag. Indem ich einfach dem folge, was sich ereignen will, taucht die Lösung auf. Auf diese Bedeutung der Polyphonie hätte ich nie von selbst kommen können. Der Prozess zeigte sie mir. Durch das vollständige Eintauchen in die Sekundärprozesse verwandeln sich deren ursprüngliche Qualitäten in etwas Neues, das wir meist nicht vorausahnen. Selbst bedrohliche Sekundärprozesse wie zum Beispiel quälendes Lampenfieber verwandeln sich in neue, bereichernde Eigenschaften, die wir gut gebrauchen können und durch die sich unsere Identität erweitert. In dem Sinn bedeutet Prozessarbeit für mich, mit dem Lebensprozess zusammenzuarbeiten, um dadurch das Leben in seiner mysteriösen Tiefe kennen zu lernen und mich dadurch immer wieder verwandeln zu lassen.

Nun kann ich an meiner Stimme feilen, ich kann zu meiner ursprünglichen Absicht, dieses Kapitel zu schreiben, zurückgehen und mit diesem Hintergrund meine Stimme zum Ganzen beitragen.

„Flow Chart“8 nennt Amy Kaplan  dieses Fliessen des Prozesses, welches immer neue Sekundärprozesse zeigt, die durch Prozessieren verwandelt werden.

Nun bin ich ob der Darstellung meines eigenen Prozesses bereits zum Ende dieses Kapitels gekommen. Indem ich dies alles mitteile, vollziehe ich den Schritt über meine eigene Grenze. Ich werde dich im Verlauf des Buches immer wieder auf die Alp führen, um dir den Zusammenhang zwischen der Natur und der Prozessarbeit zu zeigen.

Prozessarbeit erlebe ich immer wieder als derart transformative Erfahrung, dass ich danach meine Aufgaben mutiger, vertrauensvoller anpacken kann. Diese Erfahrungen möchte ich weitergeben. Eine weitere wichtige Eigenschaft meiner Stimme ist es, dir zu zeigen, dass Prozessarbeit etwas so Lebendiges ist, dass sie jederzeit im Leben angewendet werden kann. Wo und wann immer in deinem beruflichen oder privaten Alltag etwas Unbeabsichtigtes oder Störendes auftaucht, lässt sich Prozessarbeit durchführen. Dabei ist es zentral, sich gerade für die Störungen zu interessieren, denn hinter den Störungen liegt ein Diamant für uns bereit. Allerdings geht es nie darum, dass der Sekundärprozess besser ist als der primäre Prozess. Diese Arbeitsweise untersucht lediglich die Dynamik zwischen den beiden Prozessen. Die Entfaltung des sekundären Prozesses bringt neue Inhalte, Botschaften und Qualitäten, um den Primärprozess zu erweitern. Auf diese Weise passiert Wachstum, welches deine Musik und dein Leben wie auch deine momentanen Aufgaben spannender, geistvoller, wahrhaftiger, ehrlicher, intensiver und mysteriöser werden lässt.

1.4 Unintentional Music

Wenn Hexen, Feen, Magier, Berserker, wenn das Herz, der Kobold oder das Universum musizieren, dann befinden wir uns in einem Seminar über Unintentional Music von Lane Arye. KursteilnehmerInnen lassen ihre Alltagspersönlichkeit hinter sich und werden zu archetypischen Figuren und Kräften.

Unintentional Music wurde von Lane Arye, einem Sänger und Prozessarbeiter, über viele Jahre hinweg entwickelt. Er erkannte, dass sich das Konzept des Prozesses auf die Musik anwenden lässt und begann Unbeabsichtigte Musik zu erforschen. Inzwischen sind es weit über zehn Jahre, dass er Unintentional Music weltweit lehrt. Die Konzepte von Unintentional Music basieren auf der Grundlage der Prozessorientierten Psychologie, die ich im letzten Kapitel vorgestellt habe.

Das Unabsichtliche

Lane Arye merkte, dass MusikerInnen sehr stark auf ihre Absichten fokussiert sind: Deutung von Partituren, tradierte Klangideale, Spielpraktiken, stilistische Vorgaben, um nur einige solcher Absichten zu formulieren. Beim Versuch, diese Ansprüche zu erfüllen, ereignet sich viel Unabsichtliches wie Fehler, Verkrampfungen, Blackouts, störende kritische Stimmen, Kontrollverluste usw. .

Normalerweise werden solche Störenfriede bekämpft. Wir alle kennen das Üben „gegen etwas“ sehr gut. Lane Arye dreht die ganze Sache um und lässt die MusikerInnen noch mehr Fehler machen und unterstützt sie, sich noch mehr zu verkrampfen oder ganz einfach, sich in ein Blackout zu vertiefen, sich gleichsam mit ihm zu identifizieren.

Was nun passiert, nennt sich Prozess beziehungsweise Prozessarbeit (siehe Kapitel 1.3). Niemand weiss, wohin die Identifikation mit einem Blackout führt. Lane tastet mit der Musikerin, dem Musiker zusammen im Dunkeln und folgt dem, was passieren will. Oft tauchen auf diesem Weg Traumfiguren1 auf, die zur Entfaltung drängen, weil sie der Musikerin, dem Musiker etwas mitzuteilen haben: Eine Menschenfresserfigur zeigt der Pianistin eine Qualität, die sie bisher nicht zu leben wagte, die jedoch ihrem Spiel mehr Kraft verleiht, wenn sie diese Eigenschaft in sich willkommen heisst. Ein Magier macht einen Geiger auf seine Kraft aufmerksam, ganze Säle mit hoher Energie zu füllen. Diese inneren, archetypischen Figuren ermöglichen uns, aus unserem persönlichen Rahmen herauszutreten, grösser zu werden als unser Alltags-Ich und dadurch Kanal zu werden für die immensen Botschaften der tönenden Welt.

Unintentional Music hilft uns, unsere inneren Weisen, Magier, Hexen usw. zu erforschen, um dadurch zu einer überpersönlichen Welt vorzustossen, einer Welt, in der wir nicht aus unserer Alltagspersönlichkeit heraus musizieren, sondern aus archetypischen Ebenen. Wenn wir uns an diese Quelle anschliessen können, wenn wir den Mut aufbringen, alte Identifikationen fallen zu lassen und uns dem Prozess anzuvertrauen, dann entsteht Musik, die berührt. Unintentional Music bedeutet für mich, an mir selber und gleichzeitig an der Musik zu arbeiten – ein Zusammenspiel, das mich immer wieder verblüfft.

Begriffe

Auf dem Weg, diese Arbeitsweise zu erlernen, begegnen wir verschiedenen Begriffen, die immer wieder auftauchen.

Über die Primär- und Sekundärprozesse, die Signale und die Kanäle hast du bereits im letzten Kapitel etwas erfahren. Ferner haben wir es immer wieder zu tun mit Grenzen. An einer Grenze können wir ganz einfach nicht weitergehen. Etwas hindert uns. Beim Verfassen des Kapitells 1.3 hinderte mich eine Grenze am Selberschreiben. An dieser Grenze machte sich – wie an allen Grenzen – ein Glaubenssystem bemerkbar. Etwas in mir glaubte, dass ich nicht fähig sei, über Prozessarbeit zu schreiben; diese Stimme meinte: „Man kann erst über Prozessarbeit schreiben, wenn man wirklich alles weiss!“ Diesem Glaubenssystem liegt ein Anspruch auf Totalität zugrunde. Glaubenssysteme werden überall auf der Welt kreiert: im Bereich der Familie, der Gesellschaft, der Kultur, der Religionen usw.

Glaubenssysteme sind nicht per se gut oder schlecht. Sie geben einen Rahmen vor, wer ihn verlässt, verwirrt und bedroht das System. AussenseiterInnen der Gesellschaft, TerroristInnen, AktivistInnen, Kriminelle, Drogensüchtige, EinzelgängerInnen oder KünstlerInnen, die der Zeit voraus sind, sprengen das System unserer Gesellschaft oder bedrohen es zumindest. In unserem persönlichen Leben sind es Symptome aller Art wie etwa Krankheiten, Lampenfieber, plötzliche Ausbrüche usw., die unser Glaubenssystem in Frage stellen.

Je nachdem, in welcher Kultur wir aufgewachsen sind, hemmen uns diese oder jene Grenzen. In jedem Menschen herrschen wieder andere Grenzen, je nach Herkunft und Erziehung.

Arbeit an Grenzen ist äusserst wertvoll, wie ich immer wieder erfahre. Diese spezifische Arbeit innerhalb der Prozessarbeit gibt mir guten Einblick in meine Persönlichkeit. Grenzarbeit ermöglicht mir zu entscheiden, was ich hinter mir lassen will und was nicht. Dies ist wahre Arbeit an der menschlichen Freiheit!

An der Grenze tauchen auch so genannte Grenzfiguren auf. Diese Figuren ertragen es schlecht, wenn du dich wandeln möchtest.

„Aus dir wird nie etwas!“ „Musik ist ein brotloser Job!“ „So frech darfst du nicht spielen!“ „Man soll sich nicht komplett gehen lassen während des Spiels!“

Irgendwo hast du irgendwelche Sätze aufgenommen und sie so verinnerlicht, dass sie zu einem behindernden Teil in dir selbst geworden sind.

Während einer Prozessarbeit begegnen wir immer wieder solchen Grenzfiguren. Sie kennen zu lernen und zu bearbeiten bedeutet nicht nur eigenes Wachstum. Grenzarbeit ist auch eine Möglichkeit zu erkennen, wann und bei wem wir als LehrerInnen auf einmal selbst zu Grenzfiguren werden und unsere SchülerInnen behindern!

Die Arbeit an den eigenen Grenzen ist für mich eine der Grundlagen für die Arbeit mit Unintentional Music. Sie ist Teil der inneren Arbeit, der Arbeit an sich selbst. Im Kapitel „Innere Arbeit“ wirst du diese Arbeit an dir selbst kennen lernen, damit du mit deinen SchülerInnen Unintentional Music praktizieren kannst.

Eine besondere Bedeutung in der Arbeit mit Unintentional Music haben zudem die Doppelsignale, die widersprüchlichen Signale. Diese findest du jeden Tag und überall.

Beispiele:

In einer Klavierstunde frage ich eine Schülerin, ob sie mit mir vierhändig spielen will. Sie bejaht, aber in ihrer Stimme schwingt ein Zögern mit. Ein Teil von ihr ist bereit, ein anderer zögert.

Ich sitze in einem Café und freue mich über eine Pause. Zeitung lesen, einfach sitzen und still sein, das ist genau, was ich jetzt brauche. Plötzlich kommt ein Bekannter herein und steuert geradewegs auf meinen Tisch zu. Er fragt, ob er sich zu mir setzen dürfe. Ich bejahe, drehe mich jedoch im selben Moment etwas weg. Eine Antwort ist ja, die andere nein.

Bin ich mir in dem Moment, in dem diese doppelte Botschaft abläuft, bewusst, dass es sich um ein Doppelsignal handelt, ist dies ein Zeichen dafür, dass ich meinen „Metakommunikator“ zur Verfügung habe. Der Metakommunikator beobachtet, quasi von neutraler Warte aus, was passiert, während Prozesse ablaufen. Ich bin also gleichzeitig Handelnde im Prozess wie auch Beobachterin dessen, was gerade passiert.

Merke ich die Doppelsignale nicht, entsteht Verwirrung. Nehmen wir das Beispiel im Café: Der Bekannte fühlt sich vielleicht plötzlich unbehaglich und überlegt, ob ich Probleme habe oder ihn nicht mag.

Im Beispiel mit der Schülerin fühle ich mich vielleicht etwas zurückgestossen und reagiere verletzt. In Wahrheit ängstigt sich die Schülerin vor dem Notenlesen.

Doppelsignale bewirken oft Missverständnis und Verwirrung und können so zum Ausgangspunkt vieler Konflikte werden.

Primär- und Sekundärprozesse, Signale, Kanäle, Grenzen, Doppelsignale und Metakommunikator sind Begriffe, die in diesem Buch immer wieder vorkommen werden.

Damit du diese Begriffe mit einer Erfahrung verbinden kannst, schlage ich dir vor, das Buch für einen Moment wegzulegen und eine Unintentional-Music-Basisübung durchzuführen.

Unintentional-Music-Basisübung

Wenn du die Übung alleine durchführst, empfehle ich dir, mit einem Tonband oder sogar mit einem Videogerät zu arbeiten.

Wenn du diese Übung zusammen mit einer Partnerin machst, kann dir die Kollegin behilflich sein, indem sie neutral beschreibt, was sie hört. Sie kann dir auch helfen, dem Entfaltungsprozess zu folgen, und dich ermutigen, noch weiter zu gehen. Die Übung zu zweit durchzuführen hat den Vorteil, dass beide Personen beide Rollen üben können, die der Musikerin und die der Begleiterin.

  1. Singe oder spiele irgendeine Musik. Es kann ein vorgegebenes Stück sein oder eine Improvisation.

Achte während des Spiels auf alles Ungewöhnliche, nimm wahr, wenn etwas plötzlich anders wird. Wenn du während des Spiels wahrnehmen kannst, was passiert, brauchst du bereits deinen Metakommunikator. Dies ist jedoch oft schwierig. Eine Aufnahme hilft dir, nach dem Spiel die Musik von aussen zu hören und auf Ungewöhnliches zu achten.

  1. Was war fremd an deiner Musik? Ist etwas Unabsichtliches passiert? Hat dich etwas gestört? War etwas plötzlich ganz anders? Packte etwas ganz Bestimmtes deine Aufmerksamkeit, zum Beispiel eine besondere Klangfarbe, ein plötzliches Abschweifen usw.?
  1. Entscheide dich für das dir fremdeste Element deiner eben gespielten Musik. Beschreibe neutral, was deine Aufmerksamkeit erregt hat.
  1. Spiele nun absichtlich mit diesem Element, auch wenn du noch keine Ahnung hast, wohin dieses Fremde, Unbekannte führt. Drücke es deutlicher aus als zu Beginn, als es unabsichtlich erschien, damit du die Eigenschaft wahrzunehmen beginnst.
  1. Beginne nun, alles zu verstärken. Vertraue darauf, dass hinter dieser Qualität etwas verborgen ist, das zur Entfaltung drängt, und lass für den Moment alle Urteile weg. Verstärke einen Fehler, indem du noch mehr Fehler machst, entfalte eine Verkrampfung, indem du dich im ganzen Körper verkrampfst und die Verkrampfung verstärkst usw.
  1. Folge dem Entfaltungsprozess so weit, bis du zu einer ganz neuen Energie oder Qualität vorstossen kannst.
  1. Spiele mit dieser Energie, ermögliche es ihr, sich ganz zu zeigen, auch wenn sie dir noch fremd ist. Identifiziere dich im Moment ganz mit dieser neuen Energie.
  1. Wie fühlt sich diese Qualität an? Hast du sie schon jemals erlebt? Hast du sie bis jetzt immer von dir weggestossen? Hast du dir öfters gewünscht, selber mehr so zu sein?
  1. Lass diese Energie nun eine Musik kreieren. Was für eine Musik will diese Qualität? Wie klingt diese Qualität? Lass deine gewohnte Persönlichkeit jetzt fallen und sei ganz diese Qualität und spiele als diese.
  1. Wie unterscheidet sich diese Musik von deinem gewohnten Spiel? Was ist anders?
  1. Kannst du dir vorstellen, diese neue Eigenschaft mehr in dein Musizieren einzubringen? Kann diese Qualität auch in deinem alltäglichen Leben mehr zum Zug kommen? Wie sähe dein jetziges Leben aus, wenn du diese Eigenschaft mehr leben würdest? Was würde sich an deiner Identität als Musikerin ändern, wenn du das Erlebte integrieren würdest?

Vielleicht fühlst du dich nach dieser Übung etwas dem Alltag enthoben, vielleicht nimmst du dich ekstatisch wahr, unter Umständen bist du verwirrt. Wie auch immer, du bist mitten drin in einem Prozess, ob du nun eine neue Qualität merkst oder an einer Grenze stecken geblieben bist. Wenn deine Erfahrung eine Grenze hervorgebracht hat, schlage das Kapitel „Arbeit mit Grenzen“ auf und probiere ganz einfach aus, mit deiner Grenze zu arbeiten.

Wenn du verwirrt bist und überhaupt nichts mehr verstehst, wo du im Prozess bist, empfehle ich dir, das Kapitel „Innere Arbeit“ durchzugehen. Vielleicht findest du dort etwas, das dir hilft.

Bevor wir uns dem praktischen Teil des Themas widmen, möchte ich dich etwas mit den geistigen Grundlagen der Prozessarbeit vertraut machen. Ich werde mich darin auf einige Elemente beschränken, welche ich inBezug auf die Musik als wesentlich erachte.